Digitale Identitäten zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Erkenntnisse aus der NExTwerkstatt über digitale Identitäten im Alltag
Am 01. Juli 2026 hat unsere NExTwerkstatt ihre Ergebnisse zum Thema „Digitale Identitäten im Alltag“ vorgestellt und die Erkenntnisse anschließend mit Teilnehmenden aus Bund, Ländern und Kommunen reflektiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, warum die Nutzung Digitaler Identitäten trotz aller technischen und organisatorischen Fortschritte in der alltäglichen Nutzung noch immer hinter dem politischen Anspruch zurückbleibt.
Digitale Identitäten sind entscheidend für eine gelungene Ende-zu-Ende-Digitalisierung vieler Online-Verwaltungsservices, doch ein Großteil der Nutzenden bricht den digitalen Weg ab und sucht schließlich den persönlichen Kontakt zum Amt.
Das Adoptions-Dilemma
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie groß die Lücke zwischen Möglichkeit und Praxis tatsächlich ist: In Deutschland sind 72 Millionen Bürger:innen berechtigt, die eID zu nutzen. Sieben Jahre nach dem Start der BundID gibt es etwa 6,5 Millionen BundID Konten. Dennoch nutzen lediglich 3,8 Millionen Bürger:innen die eID als Mittel zur Authentifizierung. Digitale Verwaltungsservices, die eine digitale Identifikation erfordern, werden von etwa 70 – 90 Prozent der Nutzenden abgebrochen. Diese Zahlen sind alarmierend.
Vor diesem Hintergrund wurden in unserer NExTwerkstatt Fallstudien verschiedener öffentlicher Organisationen zusammengeführt, die systemische Defizite aus Sicht der Nutzenden sichtbar machen.
Sieben Fallstudien aus der Verwaltungspraxis
Grundlage des entstandenen Impulspapiers bilden sieben Fallstudien aus den Jahren 2022 bis 2025 mit Daten aus verschiedenen öffentlichen Institutionen.
Die Ergebnisse der Fallstudien zeigen ein Paradox: Die Anmeldung über staatliche Identifikationsdienste wie BundID oder AusweisApp vermittelt den Nutzenden ein hohes Maß an Sicherheit und Seriosität. Das damit verbundene Vertrauen wird jedoch im weiteren Verlauf durch technische, organisatorische und kommunikative Hürden deutlich geschwächt.
So offenbart eine betrachtete Fallstudie zur digitalen Klageeinreichung in der Justiz ein zentrales Problem: Den Wechsel zwischen zu vielen Systemen. Auf dem Weg von der Vorbereitung bis zum Versand einer Klage müssen Nutzende zwischen digitalem Eingabesystem, BundID, AusweisApp und dem Mein Justizpostfach (MJP) navigieren.
Wie stark sich diese Medienbrüche auf die tatsächliche Nutzung auswirken, zeigt die Fallstudie zur i-Kfz-Zulassung in Baden-Württemberg: Aktuell werden nur knapp 13 Prozent aller Zulassungsvorgänge digital gestellt, obwohl durch eine vollständig digitale Antragstellung bereits heute rund 82.000 Arbeitsstunden pro Jahr eingespart werden könnten. Daten aus dem OZG-Hub zeigen, dass 85 Prozent der Nutzenden den Vorgang beim BundID-Schritt abbrechen.
Vier Erfolgsdimensionen für die Zukunft
Aus den analysierten Fallstudien und den identifizierten Herausforderungen sowie dem fachlichen Austausch mit Expert:innen lassen sich vier zentrale Erfolgsdimensionen für die Weiterentwicklung Digitaler Identitäten ableiten:
- Im Bereich Regulatorik und Governance geht es darum eine klare und zentrale Steuerungsstruktur zu schaffen, die es ermöglicht, gesetzliche Rahmenbedingungen stärker an den Bedürfnissen der Nutzer:innen auszurichten.
- Die Dimension Nutzerzentrierung fordert verbindliche Standards, einen einheitlichen Auftritt, eine intuitive Nutzerführung sowie Inklusion von Beginn an.
- Vertrauen durch Standards entsteht unter anderem durch harmonisierte Nutzendenerfahrungen über Plattformen und Postfächer hinweg, kostenlose Berechtigungszertifikate und die Zulassung etablierter Alternativen wie VideoID.
- Es bedarf infrastruktureller Reife: Mehr Fehlertoleranz in den Prozessen und ein tragfähiges Supportkonzept für den Ernstfall.
Gemeinsamer Blick nach vorn
Die Diskussion im Rahmen unserer Veranstaltung hat gezeigt, dass Digitale Identitäten weit mehr sind als eine technische Infrastrukturfrage. Sie entscheiden maßgeblich darüber, ob Menschen digitale Verwaltungsangebote im Alltag tatsächlich annehmen.
Die Ergebnisse unserer NExTwerskatt „Digitale Identitäten“ wurden in einem Impulspapier zusammengeführt, das praxisnahe Handlungsempfehlungen für eine bessere Serviceerfahrung mit der Verwaltung bereitstellt.
Hier könnt ihr das Impulspapier herunterladen: https://next-netz.de/wp-content/uploads/2026/07/NExT-Impulspapier-Digitale-Identitaeten-im-Alltag-1309.pdf
Wir danken der Bundesagentur für Arbeit, dataport, der Digitalagentur Brandenburg, dem DigitalService des Bundes, der FITKO, der PD – Berater der öffentlichen Hand und der Stadt Wiesbaden und allen weiteren Mitwirkenden für die organisationsübergreifende Arbeit an diesem Impulspapier.